Ausserkörperliche Wahrnehmung auf Knopfdruck

Quelle: Marcel Falk/www.welt.de vom 20. September 2002

Schweizer Forscher entdeckt Hirnregion, die das Gefühl auslöst, den Körper zu verlassen

Stimulation durch elektrische Signale Von Marcel Falk „Alles, was Sie fuer eine ausserkoerperliche Erfahrung brauchen. Der perfekte Ort, praktische Uebungen und intensive Kurse“, lockt ein parapsychologisches Institut zu einem Workshop in Florida.

Der wahre und wissenschaftlich ernst zu nehmende Meister aber wirkt in der Schweiz: Olaf Blanke vom Universitaetskrankenhaus in Genf kann auf Knopfdruck das Bewusstsein von Patienten aus dem Koerper schicken, berichtet das Fachmagazin „Nature“ in seiner heutigen Ausgabe. Der Hirnforscher hatte einer 43-jaehrigen Epilepsie-Patientin Elektroden ins Gehirn gepflanzt.

Damit suchen Mediziner vor Hirnoperationen routinemaessig die Areale, die keinesfalls herausgeschnitten werden duerfen. Stimulierte Blanke nun eine Elektrode auf der rechten Seite des Kopfes, machte die Patientin jedes Mal eine ausserkoerperliche Erfahrung: „Ich fuehle mich leicht und schwebe in etwa zwei Meter Hoehe. Unten sehe ich meinen Koerper auf dem Bett liegen“, berichtete sie. So abrupt wie die Bewusstseinsstoerung begann, so schnell verschwand sie nach Abbruch der elektrischen Stimulation, sagt Blanke.

Die Elektrode funkte in den so genannten Angular Gyrus, ein Hirnareal, das verschiedene Sinneswahrnehmungen zusammenfuehrt. Waehrend ausserkoerperlicher Erfahrungen sei vor allem die Abstimmung der Wahrnehmungen des eigenen Koerpers und des Gleichgewichts gestoert, schliesst Blanke aus weiteren Beobachtungen. Liessen die Forscher nur einen schwachen Strom durch die Elektrode fliessen, wanderte das Ich der Patientin nicht aus dem Koerper. Sie meinte aber ploetzlich, im Bett zu versinken oder zu fallen. Offenbar war ihr Gleichgewichtssinn durcheinander, meint Blanke. In einem weiteren Versuch reizten die Forscher mit einer Stromstaerke, die zuvor ausserkoerperliche Erfahrungen ausgeloest hatte. Gleichzeitig musste die Patientin ihre gebogenen Knie mit dem Blick fixieren. Sofort begann sie zu schreien und bueckte sich panisch. Ihre Beine seien auf ihr Gesicht zugerast, berichtete sie anschliessend von der gestoerten Wahrnehmung ihres eigenen Koerpers. Dass die visuelle Fixierung eine ausserkoerperliche Erfahrung verhindere, sei typisch, sagt Blanke. Die Illusion breche meist in sich zusammen, wenn man versuche, sie zu erkunden, weiss der Forscher aus Berichten von Parapsychologen

Diese haben eine Reihe von Situationen und Uebungen entdeckt, die eine ausserkoerperliche Erfahrung ausloesen koennen. Demnach trennt sich das Bewusstsein beim Entspannen, etwa kurz vor dem Einschlafen, besonders leicht vom Koerper. Aber auch verschiedene Erkrankungen wie Epilepsie und Migraene foerdern solche Illusionen. Interessanterweise kann zudem eine verminderte Durchblutung des Gehirns ein Ausloeser sein, sagt Blanke. Die Unterversorgung stoert moeglicherweise auch den Angular Gyrus. So liesse sich erklaeren, warum herztote Menschen bei einer Nahtod-Erfahrung sich selbst oft schwebend von oben sehen, meint der Forscher. Das sei bislang aber reine Spekulation. Weitere Versuche sollen nun die genauen Ablaeufe im Gehirn klaeren.

Dabei moechte Blanke sich unter anderem auf den „reichen Schatz an Erfahrungen“ von Parapsychologen stuetzen. Insbesondere die Arbeiten der mittlerweile zur Psychologie konvertierten Susan Blackmore dienen ihm als Grundlage. Die britische Forscherin haelt das Gedaechtnis fuer den Schluessel zur ausserkoerperlichen Erfahrung. „Versuchen Sie sich den Weg in ein kuerzlich besuchtes Kino vorzustellen“, fordert sie auf. Seltsamerweise wuerden viele Personen dabei die Vogelperspektive einnehmen und den Weg von oben sehen.

Solche Personen, die leicht ihren „inneren Standpunkt“ aendern koennen, gleiten oefter in ausserkoerperliche Erfahrungen ab, fand die Forscherin. Bei ihnen lasse sich das Bewusstsein waehrend bestimmter Stoerungen des Gehirns moeglicherweise durch die Vogelperspektive des Gedaechtnisses leiten. Gestuetzt auf Blackmores Forschungen, moechte Blanke Probanden dazu anhalten, sich selbst von oben vorzustellen oder ueber Computersimulationen diese Sicht zu erzeugen. Bei dieser „Vorstufe“ einer ausserkoerperlichen Erfahrung wird der Forscher deren Hirnaktivitaet messen und auf Veraenderungen im Angular Gyrus hoffen.

Das wuerde seine Theorie bestaetigen.