Synästhesie: Wenn Farben klingen

Das Geheimnis der verschmolzenen Sinne

Quelle: www.welt.de vom 16. April 2002

Der erste internationale Synaesthetiker-Kongress findet in Hannover statt
Von Senya Mueller

Fuer Gisela Rudolph war schon immer klar, dass der Maerz gelb und der April schwarz ist, der Mai aber braun. Und auch die Wochentage sind fuer sie farbig: der Montag blaugrau, der Dienstag rot und der Donnerstag braun. Als Gisela Rudolph 1947 in die Schule kam, merkte sie, dass „etwas mit ihr nicht stimmte“.

Wie viele Synaesthetiker, die entdecken, dass ihre Wahrnehmung von anderen nicht geteilt wird, schwieg sie fortan. Erst viele Jahre spaeter erkannte sie sich in einem Zeitungsartikel ueber Synaesthesie wieder. Synaesthesie – das ist nach Professor Hinderk Emrich eine besondere Form der Vernetzung der Sinne.

Zwei von 1000 Menschen verfuegen ueber diese Faehigkeiten, wie der Neurobiologe an der Medizinischen Hochschule in Hannover herausgefunden hat. Er untersuchte dort bei rund 150 Probanden, wie Synaesthesie entsteht und wie sie sich auswirkt. 1997 gruendete er das Synaesthesie-Café, wo sich Betroffene untereinander austauschen.

Synaesthetiker erleben ein dauerndes Feuerwerk der Sinne. Sie hoeren Farben, sie sehen Toene, oder sie schmecken Formen. Besonders haeufig ordnen sie Farben bestimmten Zahlen zu. Fuer Helga Z. ist die Eins weiss, die Zwei schwarz, die Drei ein Rosa, das ins Lachsfarbene geht. Und die Sieben schimmert blau-violett. Helga Z. hat diese Farben nie fuer sich festgelegt. Sie sind fuer sie automatisch praesent, wenn sie die entsprechenden Zahlen sieht oder hoert. Synaesthetiker haben eine Art Lexikon, in dem Farben, Toene und Muster einander fest zugeordnet sind.

Neben diesen „echten“ gibt es auch so genannte Gefuehlssynaesthetiker. Diese nehmen je nach Stimmungslage bei gleichem Stimulus verschiedene Farben, Toene, Muster oder Geschmacksrichtungen wahr. Die haeufigste Form der Sinnesvernetzung ist das sehende Hoeren. So nimmt ein Proband zum Beispiel beim schrillen Klingeln eines Handys gelbe Blitze wahr.

Noch vor kurzem haben Psychiater synaesthetische Phaenomene als krankhaft bezeichnet. „Doch Synaesthesie ist keine Krankheit“, sagt Professor Emrich. Es handele sich auch nicht um Halluzinationen. Die Eindruecke sind vielmehr echte Sinneswahrnehmungen. Frueher nahm man an, dass eine Verbindung des visuellen und auditiven Hirnzentrums zu dem Effekt fuehrt. Doch das sei nicht der Fall, stellt der amerikanische Neurologe Richard Cytowic fest. Er vermutet, dass eine komplexe Vernetzung der Sinneszentren in der Hirnrinde die verschiedenen Eindruecke verschmelzen laesst.

Der gleichen Meinung ist auch Professor Emrich. Er untersuchte mit Hilfe funktioneller Kernspintomographie mehrere synaesthetisch sensible Probanden und stellte bei ihnen bei bestimmten Sinnesreizen eine vermehrte Aktivitaet im Frontalhirn fest. „Im limbischen System, dem Gefuehlszentrum, wird zum Beispiel aus Musik Farbe“, vermutet Emrich. Der Neurologe ermittelte bei seinen Untersuchungen, dass es ganze Familien mit dieser Eigenschaft gibt.

„Synaesthesie ist erblich, und sie entwickelt sich waehrend der ersten zwei Lebensjahre.“ Emrich hat ausserdem herausgefunden, dass sieben von acht Synaesthetikern Frauen sind. „Wahrscheinlich stimmt diese Relation aber nicht ganz, denn Maenner geben haeufig nicht zu, dass sie eine ungewoehnliche Wahrnehmung haben. Frauen aeussern ihre Gefuehle viel offener.“

Synaesthesie gibt es wahrscheinlich schon, seit die Menschheit existiert. Seit 300 Jahren beschaeftigt sich die Wissenschaft damit. Im 17. Jahrhundert ordnete der Jesuit Athanasius Kircher in seinen Lehrbuechern Farben und Toene zu. Sir Isaac Newton schrieb ueber das Phaenomen. Und selbst in der Farbenlehre Goethes gibt es ein Reihe einschlaegiger Hinweise.

Das Thema Synaesthesie boomte in bestimmten Zeitperioden immer wieder einmal – etwa bei den romantischen Naturphilosophen mit ihrem Interesse an Traeumen und Sinneseindruecken. Auch in der Kunst wurden synaesthetische Eindruecke verarbeitet. So hat der russische Komponist Alexander Skrjabin seine besondere Beziehung von Toenen und Farbe in seiner sinfonischen Dichtung „Prometheus“ (1910) umgesetzt. Der Maler Wassily Kandinsky untersuchte die Beziehung zwischen Toenen und Farben und beschrieb seine Gemaelde mit musikalischen Begriffen. Er schuf eine Art Oper („Der gelbe Klang“), bei der Farbe, Licht, Tanz und Toene miteinander ein Gesamtkunstwerk bilden. Auch heute nutzen durchaus manche Kuenstler ihre synaesthetischen Wahrnehmungen und formen beispielsweise Musikstuecke zu Gemaelden oder Skulpturen.

Emrich hat die Erfahrung gemacht, dass Synaesthetiker zufriedener und angstfreier sind als andere Menschen. Und sie haben einen besseren Zugang zu ihren Gefuehlen. Er vermutet, dass Menschen, die das „Feuerwerk der Sinne“ erleben, auf einer physiologisch hoeheren Entwicklungsstufe sind als der Durchschnitt.

Genauere Aufschluesse darueber erhofft sich Emrich durch den Austausch der Forschungsergebnisse beim ersten internationalen Synaesthetiker-Kongress im Herbst in Hannover. Dort werden sich unter anderen Wissenschaftler der Universitaeten Leipzig und Madgeburg sowie Forschergruppen aus Grossbritannien und Italien treffen. Dass lokalisierbare Gehirnzentren bei Synaesthetikern erhoehte Aktivitaeten zeigen, ist bereits nachgewiesen und messbar, doch wie die besondere Vernetzung organisiert ist, sei noch ziemlich unklar, so Emrich. Um hier mehr Licht ins Dunkel zu bringen, ist unter anderem eine intensive Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut fuer Hirnforschung in Frankfurt geplant.